Lebendig und kräftig und schärfer
Ob es der Weg der Gerechtigkeit, das Salz dieser Erde oder die vielen anderen Sprüche sind: am Ende eines Kirchentages konnte ich das Motto und die teilweise arg an den Haaren herbeigeholten Interpretationen und Anlehnungen schlichtweg nicht mehr hören. Nicht so dieses Mal.
Gestern erfolgte die Landung aus dem Epizentrum des Karnevals, wo in der Zeit von Mittwoch bis Sonntag statt Narrenkappen orangefarbene Schals und Tücher ‘zig Tausend Besucher des 31. Deutschen Evangelischen Kirchentages das Kölner Stadtbild dominierten. Und immer noch klingt mir der Soundtrack zum diesjährigen Motto von den Wise Guys im Ohr: Lebendig und kräftig und schärfer (gab’s auch mal irgendwo als legalen Download auf der Kita-Seite, aber ich kann’s nicht mehr finden).
Das waren fünf, fast sechs ziemlich eindrucksvolle, warme und vor allem schlafarme Tage (und Nächte). In der Regel stellt sich mit der Wiederholung eines Ereignisses oder einer Tätigkeit eine gewisse Gelassenheit ein – es ist nicht mehr so aufregend. Nicht so dieses Jahr: Nach Hamburg (1995), Leipzig (1997), Stuttgart (1999), Frankfurt (2001), Berlin (2003) und Hannover (2005) muss ich bemerken, dass dieser Kirchentag beflügelnd wirkte. Als Helfer auf dem Kirchentag erlebt man wenig vom eigentlichen Programm des Kitas mit. Zeitlich war auch dieses Mal kaum Platz dafür, aber vielleicht ist es genau das, was den Kirchentag auch und gerade in der Retrospektive so beeindruckend für mich macht: die Aussage, der Ruck und das Aufbrechen muss so eine gewaltige Druckwelle verursacht haben, dass sie selbst in der Abgeschiedenheit unseres Einsatzortes, dem etwas abgelegenen Zentrum Theater im Bürgerhaus Stollwerck am Rheinufer, spürbar war.
Nicht unbeteiligt ist sicher auch meine Erwartungshaltung, mit der ich auf den Kirchentag gefahren bin: zum ersten Mal war ich richtig gespannt auf die Inhalte, die Sendung, die der Kirchentag formulieren würde. Und auch hier war der beeindruckende Text der Wise Guys mit Schuld.
Meiner Auffassung nach hat sich die Kirche in der jüngsten Zeit, die durch Schnelllebigkeit und … Werteverfall (ich mag das Wort überhaupt nicht) bestimmt wird, viel zu sehr in ihren eigenen Mauern versteckt. Vielleicht waren wir zu sehr mit unseren durch unser Selbstmitleid provozierten eigenen Problemen innerhalb der (leerer werdenden) Kirchenmauern beschäftigt. Politik von der Kanzel ist eine Gratwanderung, eine sehr gefährliche. Die Auswirkungen politischer Instrumentalisierung von Glaubensinhalten und damit verbunden der Missbrauch von Gläubigen sehen wir leider viel zu häufig. Auch schürte es Misstrauen gegenüber der Kirche Außenstehenden, würde sonntäglich in den zahlreichen Gemeinden im kleinen Kreis eine flammende politische Predigt geschwungen. Der Kirchentag hingegen diskutiert und hinterfragt im öffentlichen Raum.
Politische Stellungnahme – jenseits parteipolitischem Gerede – ist wichtig für die Kirche. Und auch wenn es ein Leben nach dem G8-Gipfel gibt, so war es gut, dass dieses weltpolitische Ereignis parallel zum Treffen in Köln statt fand, wo die Globalisierung ohne Steine und Brandsätzen hinterfragt wurde. Die Welt dreht sich – und immer häufiger habe ich den Eindruck, dass sie sich schneller dreht, als manch einer mitkommt.
Ich hoffe, der vergangene Kirchentag hat der Kirche gut getan und sie ein wenig mutiger gemacht, häufiger Stellung zu beziehen. Und lebendiger. Und kräftiger. Und schärfer.
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Posted by carp on June 11th, 2007 filed in German, Politics, Religion | 1 Comment »

June 12th, 2007 at 1:34 pm
Doch noch gefunden, den Kita-Song von den Wise Guys als Download von der Kirchentagsseite.