Eselsyndrom
„Der Esel nennt sich selbst zuletzt“ – diese Weisheit kennen ich und andere aus Kindertagen. Ob diese Konditionierung der Grund für das neuerliche Wörtlichnehmen des eigenen Vergleichs mit dem störrischen Lasttier ist, sei aber mal dahin gestellt. In diverser, vornehmlich elektronischer Geschäftspost bemerke ich seit einiger Zeit eine inflationäre Zunahme der Unterschrift (obwohl elektronisch und daher eigentlich ohne selbige gültig?) „i.A.“, gemeinhin bekannt als der Ausruf eines Esels oder auch „im Auftrag“.
Untersuchen wir zunächst den ersten Fall: die löbliche Zuletztnennung mag anerzogen sein, aber warum das Erstarken der Eselnennung dieser Tage? Möglicherweise werden Menschen an ihre Kindheit erinnert, das Sich-Sehnen nach elterlicher Geborgenheit in dieser unsicheren Zeit. Freud-Anhänger mögen sofort unseren inhärenten Ödipuskomplex ins Feld führen, etwa ein spätes Signal des sich längst in Großmetamorphose befindlichen Geschlechterbildes in der Gesellschaft? Oder ist es doch nur ein versteckter Hinweis auf die Unabänderlichkeit des Geschriebenen in Anlehnung an die Störrigkeit des Lautgebers: „In Stein gemeißelt, Ihr Max Mustermann”?
Wie auch immer der Grund, es bleibt die Frage, in wessen Auftrag der gute Autor schreibt. Im Auftrag ewiger Jugend und Glückseeligkeit? Im Auftrag einer höheren, gar göttlichen Entität? Dieses Verhalten würde einhergehen mit dem total in die Mode gekommenen Fundamentalismus, sowohl den westlich als auch östlich Europas. Vielleicht ist es aber doch nur die mangelnde Fähigkeit, für sein eigenes Geschreibsel selbst gerade stehen zu können, dass man sich auf … jemand anderes beruft? Das kann aber höchstens ein halbherziges Ablenkungsmanöver sein, denn dem “i.A.” folgt in der neuen Eselwelle in der Regel der eigene Name. “Für die Inhalte ist jemand anderes Verantwortlich” … und weiter in der Asoziationskette: „Ich habe nur Befehle befolgt”? Verwirrung macht sich breit im Büroalltag, während andere diese Art, Post zu unterzeichnen einfach nur lächerlich finden.
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Posted by carp on October 2nd, 2007 filed in German, Internet, Society, Stupidity | 1 Comment »

October 2nd, 2007 at 9:14 pm
Hm, ich weiß ja nicht, ob da in Bayern mal wieder die Uhren anders gehen, aber bei uns hieß das eigentlich immer ‘Der Esel nennt sich selbst zuerst’. Trotzdem kann ich nur zustimmen: dieser eselshafte Unterschriftenzusatz ist ungefähr so sinnvoll wie das berühmte Baustellen-Schild ‘Eltern haften für ihre Kinder’. Da Unternehmen in der Regel für das normale Geschäftsverhalten ihrer Angestellten ohnehin haften (ganz im Gegensatz zu Eltern für ihre Kinder). Vielleicht ist das ein Zeichen zunehmender Versicherungsmentalität á la USA? ‘Vorsicht, der Kaffee könnte heiß sein, und bitte packen Sie Ihre Katze nicht in die Mikrowelle’. Bin gespannt, wann die Management-Ebene damit anfängt, im Auftrag zu unterschreiben, und ob sie dann, zur Rede gestellt, mit einem abgewandelten Blues Brothers Zitat antwortet: ‘Wir sind im Auftrag des Geldes unterwegs.’
i.e.A. (= im eigenen Auftrag)
Tanja