Protestwähler

Lächerliche 63,6% betrug also die Wahlbeteiligung bei der Wahl der Hamburger Bürgerschaft am letzten Sonntag, ein Rekordtief. Bei solchen Ergebnissen kocht mir regelmäßig die Galle über. Zwar stand es für mich ohnehin nie zur Debatte, nicht zur Wahl zu gehen, doch einem signifikanten Anteil der Hamburger Bürger ist es offenbar völlig egal, von wem sie mit welcher Agenda regiert werden.

Ich glaube nicht, dass es am neuen Wahlrecht lag, denn für die simple Arithmetik (2x nur 1 Stimme, 2x maximal 5 Stimmen) reicht auch Grundschulmathe. Vielleicht spielte es sich früher außerhalb meiner Wahrnehmung ab, aber anhand der größer werdenden Menge uneigentlicher politischer Parteien (PARTEI, Pogo…) muss ich beobachten, dass nun auch die früher so oft zitierte Politikverdrossenheit dem Einfluss der Spaßgesellschaft nachgeben musste. Anhänger dieser Parteien halten ihren drolligen Aktionismus vermutlich für eine besonders originelle Art des Protestes gegen den Einheitsbrei der Volksparteien.

Ich mag die Titanic, ich finde auch deren Offensive auf die Parteienlandschaft amüsant – aber mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Es geht schon lange nicht mehr darum, welche Partei der Einzelne mag, sondern welche Partei das kleinere übel ist. Wenn es keine Partei gibt, die keine noch so kleine Schnittmenge mit meinen eigenen Idealen hat, dann muss ich eben eine gründen – oder selbst irgendwo Parteimitglied werden und den Laden von der Basis aufräumen. Das wäre konstruktiver Protest. Aber klar, dazu müsste man sich aufraffen, etwas tun – und das ist anstrengend.

Letztendlich werden alle sogenannten Argumente, die im Einzelfall ein Fernbleiben von der Wahl legitimieren sollen, durch das Bewusstmachen folgender, bitterer Tatsache negiert: in anderen Ländern der Erde würde man sich freuen, wenn man frei, gleich und geheim wählen dürfte. Und du gehst einfach nicht hin? Meine Güte, Kinners, dann geht doch wenigstens zur Urne und malt etwas lustiges auf den Wahlzettel. Der wird dann ungültig, ja, aber die Wahlbeteiligung ist am Ende nicht so frustrierend. Und ein Wahlhelfer hat seinen Spaß.


3 Responses to “Protestwähler”

  1. Tanja Says:

    Ich denk oft, wir haben vielleicht das Prinzip nicht ganz verstanden. Der Staat ist meiner Meinung nach eine Gemeinschaft, zu der wir uns zusammengeschlossen haben, um uns gegenseitig vor den Widrigkeiten des Lebens zu schützen, um unser Zusammenleben zu regeln, und um die Schwächsten unter uns nicht einfach der Evolution zuüberlassen. Aber selbst ich ertappe mich selbst häufig dabei, den Staat als etwas externes zu sehen, jemand, der versucht, über mein Leben zu bestimmen, mein sauer verdientes Geld verschwendet, als etwas, das unabhängig von mir existiert und nach dem ich mich richten muss, ob ich will oder nicht. Etwa wie ein Lehrer in der Schule. Da hat man auch oft vergessen, dass die nicht dazu da waren, einen zu gängeln, sondern einem (zugegebenermaßen erst später) ein besseres Leben zu ermöglichen. Sprich: nicht wählen ist genauso sinnvoll, wie seine Hausaufgaben nicht zu machen. Man schneidet sich nur ins eigene Fleisch. Vielleicht sollten wir alle mal ein Bürger-Praktikum in einer Diktatur machen, damit wir das, was wir haben, wieder zu schützen wissen…
    Liebe Grüße vom briefwählenden Wahlstreber Tanja

  2. KErSTiN Says:

    Ich finde die neuen Parteien auch mal erfrischend und habe dann als pflichtbewusste Wählerin mal interessiert das Parteiprogramm der Piraten gelesen ;-)
    Die Wahlbeteiligung habe ich nicht anders erwartet und daher bin ich nicht überrascht oder böse. Nicht nur die Entscheidung für die Kreuzchen ist schon schwer, wenn man nicht bemerkt, dass dieses Privileg es sich aussuchen zu dürfen nicht selbstverständlich ist, dann hat man eben auch nicht so Lust drauf.
    Alles reine Spekulation, ich kenne keine Nichtwähler, die mir ihre (Nicht)Motivation erklären könnten.

    Als gute Demokratin will ich nur festhalten: Auch nicht zu wählen ist ein Privileg, das nicht selbstverständlich ist. Auch das muss in freien Wahlen erlaubt sein. Nur bitte am Ende nicht meckern, wenn man mit dem Ergebnis nicht zufrieden ist, das man durchaus durch Nichtstun mit beeinflusst hat ;-)

    Viele Grüße
    KErSTiN

  3. Dirk Says:

    Ich sehe das anders… ich glaube, dass das neue Wahlgesetz zur Verdrossenheit weiter zugeführt hat. Heini Blöd und Oma Pacholtke schalten ab, wenn der Wahlzettel jetzt aussieht wie das Telefonbuch von Pinneberg. Ich kenne Informatiker höherer Kajüte, die die Möglichkeiten der Abstimmung nicht vollkommen verstanden haben und sich hinterher an die Stirn hauten…

    Nun gut, ich war raus, ich war bereits vor der Wahl (wieder nach 31 Jahren) Schleswig-Holsteiner…

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